Dazu eine kleine Geschichte aus dem Alltag:
Neulich erzählte mir eine Bauleiterin von einer ihrer ersten großen Besprechungen. Sie hatte ein komplexes Problem auf der Baustelle elegant gelöst – alle waren beeindruckt. Doch als sie später darauf angesprochen wurde, sagte sie nur:
„Ach, das war Glück, dass der Statiker so schnell reagiert hat.“
Ihr Kollege, der neben ihr stand, grinste und meinte trocken:
„Interessant. Wenn ich eine gute Lösung finde, liegt das nie am Statiker.“
Da fiel es ihr wie Schuppen von den Augen: Warum machte sie sich kleiner, während ihr Kollege selbstverständlich seine Leistung anerkannte?
Aber jetzt erst mal von Anfang an:
In einem früheren Blogbeitrag habe ich über den eleganten Umgang mit Kritik geschrieben. („Wie Du als Architektin mit Kritik umgehen kannst.“). Dort ging es u.a. um eine weitverbreitete Beobachtung: Frauen stellen sich häufig selbst in Frage. Kommt Dir das bekannt vor?
Erfolg? Ach, das war doch nichts …
Stell Dir vor: Du hast eine Baubesprechung mit guten Ergebnissen geleitet oder eine Präsentation vor einem Bauherrn / einer Bauherrin so gut durchgeführt, dass alle ganz begeistert waren. Jetzt mal Hand aufs Herz: Wenn Du hinterher darauf angesprochen wirst, was sagst Du dann?
- „Ach die Baubesprechung, mit diesen Firmen kann man auch super zusammenarbeiten, mit denen gibt es nie Probleme…“
Oder:
- „Ja, das war ja auch nicht so schwierig, dieser Bauherr ist einfach ein guter und innovativer Typ.“
Kommt Dir das bekannt vor? Kein Wunder! Denn viele Frauen neigen dazu, ihre Erfolge auf äußere Umstände zu schieben – die Sterne standen günstig, die Sonne schien, alle Beteiligten waren einfach nur klasse.
Misserfolg? Klar, meine Schuld …
Und jetzt drehen wir das Ganze um: Ein Anschluss wurde falsch ausgeführt. Der Fachplaner hat Pläne nicht rechtzeitig geliefert. Und was sagst Du?
- „Meine Schwäche liegt halt in den Details. Mein Chef kann 5000 Details auswendig, ich krieg das einfach nicht hin …“
Oder:
- „Ich hätte mich besser organisieren sollen! Dann hätte ich den Fachplaner noch einmal erinnert …“
Na, erkennst Du das Muster? Erfolg: Zufall. Misserfolg: Eigenes Versagen. Was Du in diesen Momenten tust: Du führst einen Misserfolg auf Dein Versagen zurück. Du bist schuld. Du bist zu viel, zu wenig, zu dumm, zu irgendwas. Du bist schuld! Nur nicht am Erfolg!
Und das geht nicht nur Dir so!
Es gibt Menschen, die führen ihre Erfolge gerne auf äußere Umstände zurück, Umstände, auf die sie keinen Einfluss habe. Diese Menschen führen dann Misserfolge gerne auf sich selbst, auf ihre eigene Person zurück! Häufig sind diese Menschen Frauen.
Zeit für einen Perspektivwechsel
So, jetzt erlauben wir uns mal die Gegenteile zu den Beispielen oben:
Du sagst zur gelungenen Baubesprechung:
- „Danke für das Kompliment. Ich war auch super vorbereitet und habe mir das Heft nicht aus der Hand nehmen lassen.“
Und über die Präsentation:
- „Vielen Dank dass Du das ansprichst. Ich war auch begeistert, wie es mir gelungen ist den Bauherrn von den Vorzügen meines Entwurfs zu überzeugen!“
Wie fühlt sich das an? Ungewohnt? Vielleicht sogar unangenehm?
Kein Wunder. Denn tief in uns steckt dieser alte Spruch aus dem Poesiealbum:
„Sei wie das Veilchen im Moose, sittsam, bescheiden und rein… und nicht wie die stolze Rose, die immer bewundert will sein…“
Cool, oder? Falls von diesem Gefühl irgendetwas, bewusst oder unbewusst, in Dir verankert ist, musst Du Dich über das Grummeln in Dir nicht wundern!!!
Bloß nicht stolz sein wie eine Rose, die gesehen werden will!
Die Männer machen es anders¹
Zur Erinnerung: Männer denken oft genau umgekehrt. Fehler? Klar, der Handwerker hat nicht aufgepasst. Die Fachplaner? Unorganisierte Idioten. Die Erfolge? Natürlich eigene Leistung!
Und jetzt mal ehrlich: Wie fühlt sich diese Vorstellung für Dich an?
Warum das Thema² wichtig ist
Diese Denkweise kann Dich in einen Teufelskreis der Misserfolgsorientierung führen. Du machst Dich kleiner, als Du bist – und das hat Auswirkungen auf Deine Selbstwahrnehmung, Deine Kommunikation und letztlich darauf, wie Du von anderen wahrgenommen wirst.
Beobachte Dich in den nächsten Tagen: Wie erklärst Du Deine Erfolge? Und wie Deine Misserfolge?
Eine kleine Übung für den Alltag
Wenn Du magst, kannst Du hierzu ein Erfolgstagebuch führen. Notiere Dir jeden Tag eine Situation, in der Du gut warst – und schreib dazu, was genau DU dazu beigetragen hast. Das hilft Dir, Deine Leistung bewusst wahrzunehmen und anzuerkennen.
Zum Beispiel:
- Ich habe in der Baubesprechung eine klare Struktur vorgegeben, damit alle Beteiligten effizient arbeiten konnten.
- Ich habe das Problem mit dem Fachplaner frühzeitig erkannt und eine Lösung vorgeschlagen.
- Ich habe souverän meine Ideen in der Präsentation vertreten.
Du wirst sehen: Je öfter Du das machst, desto selbstverständlicher wird es, Deine eigenen Stärken anzuerkennen – ganz ohne schlechtes Gewissen. Und dann geht es im nächsten Schritt „nur noch“ darum diese auch nach außen zu kommunizieren. Aber darüber reden wir ein anderes Mal.
²Das theoretische Modell dahinter ist die Attributionstheorie nach Weiner. Ich vereinfache sie hier. Wenn Du mehr darüber wissen möchtest, findest du bei Google viele Hinweise. Auch auf folgender Seite ist es gut erklärt: https://tu-dresden.de/mn/psychologie/ifap/allgpsy/ressourcen/dateien/lehre/lehreveranstaltungen/goschke_lehre/ws2014/ppt_motivation/VL06-Leistungsmotivation.pdf?lang=de
Also, wenn Du willst: Sei Rose, nicht Veilchen!

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